Guido Werner/TEAG

Barrierefreiheit bei der TEAG

Wie Ulrike Wilhelm digitale Teilhabe möglich macht

Ulrike Wilhelm sieht nur noch ein Prozent. Trotzdem läuft sie Marathon, organisiert ihren Alltag selbst und testet digitale Angebote der TEAG, mit denen das Unternehmen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz vom Juni 2025 umsetzt.  Ihre Geschichte zeigt, wie Barrieren entstehen und was Menschen brauchen, um selbstständig ans Ziel zu kommen.

Ulrike Wilhelms Alltag: Leben mit Sehbehinderung

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Ulrike Wilhelm sieht den Weg nicht. Sie fühlt ihn. Ihre Sehkraft liegt bei etwa einem Prozent. Sie erkennt noch Helligkeit, grobe Umrisse und starke Kontraste. Gesichter, Schilder oder kleine Gegenstände verschwimmen. Trotzdem führt sie ihr Leben weitgehend selbstständig. "Ich möchte so viel wie möglich allein schaffen", sagt sie. Dafür braucht es Übung, feste Abläufe und Hilfsmittel, von denen Sehende oft noch nie gehört haben.

Eine Welt zum Ertasten

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Ulrike Wilhelm ist 58 Jahre alt und lebt in Harras bei Eisfeld, Thüringen. Sie wurde mit Aniridie geboren. Bei dieser seltenen genetischen Erkrankung fehlt die Regenbogenhaut des Auges ganz oder teilweise. Über die Jahre nahm Ulrikes Sehkraft weiter ab. Vieles, was sie früher noch sehen konnte, hat sie im Gedächtnis gespeichert: die Straßen ihres Heimatortes, den Grundriss ihres Hauses, vertraute Wege.

In ihrem Flur hängt ein Stoffutensilo. In den Fächern stecken Blindenstöcke, Sportbrillen mit speziellen Kantenfiltern und weitere kleine Helfer. Die Filter schützen ihre Augen vor grellem Licht und verstärken Kontraste. Besonders wichtig ist ihr aber eine einfache Regel: Jeder Gegenstand hat einen festen Platz. Wer etwas benutzt, räumt es sofort wieder dorthin zurück. Schon eine achtlos abgestellte Tasche kann sonst zur Stolperfalle oder zur langen Suchaufgabe werden.

Auch die Dinge selbst helfen bei der Orientierung. Manche Taschen oder Kissen erkennt Ulrike an ihrer Oberfläche. Pailletten, Nähte und unterschiedliche Stoffe werden zu fühlbaren Etiketten. Beim Kochen legt sie eine elektronische Lupe über Rezepte oder Verpackungen. Das Gerät vergrößert Schrift bis zu 48-fach und stellt sie kontrastreicher dar. Andere Arbeiten erledigt sie mit Händen, Ohren und Erfahrung. Beim Putzen tastet sie Flächen ab. Im Garten weiß sie, dass es Zeit zum Mähen ist, sobald das Gras ihre Knöchel kitzelt. Nur beim Fensterputzen bleibt sie gelassen: "Ob da ein Streifen ist, sehe ich sowieso nicht", sagt sie und lacht.

Solche Details zeigen, wie viele scheinbare Selbstverständlichkeiten auf das Sehen ausgerichtet sind. Ein Preisschild, eine Menüführung, eine Ampel oder die Frage, ob die Milch noch haltbar ist: Was Sehende in Sekunden erfassen, verlangt von Ulrike eine andere Lösung. Beim Einkaufen nutzt sie zum Beispiel die App „Be My Eyes“. Per Video verbindet sie sich mit freiwilligen Helfern, die ihr sagen, was auf einer Verpackung steht oder welche Farbe ein Kleidungsstück hat.

Laufen mit Vertrauen

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Ihre größte Leidenschaft braucht ebenfalls Unterstützung. Bei Lauf-Wettkämpfen begleitet sie ein Guide. Gute Begleitläufer warnen rechtzeitig vor Hindernissen, passen ihren Rhythmus an und geben Sicherheit, ohne ständig einzugreifen. "Man muss sich aufeinander verlassen können", sagt Ulrike. Auf der Laufstrecke ist das Führungsband, Tether genannt, ihr wichtigstes Hilfsmittel. Es verbindet Ulrike Wilhelm mit ihrem Guide. Das schmale, elastische Band zwischen ihren Fingern überträgt jeden Impuls. Ein leichter Zug kündigt eine Kurve an, ein kurzer Impuls warnt vor einer Unebenheit. Der Guide führt, ohne Ulrike die Kontrolle zu nehmen. Nähe schafft hier Freiheit. Beide laufen im gleichen Rhythmus, Schritt für Schritt. Unter ihren Füßen fliegt der Asphalt vorbei, den Wind spürt sie im Gesicht, das Jubeln der Zuschauer hört sie am Streckenrand.

Sie läuft seit ihrer Jugend. Die Begeisterung dafür liegt in der Familie. Ihr Vater nahm 31-mal am Rennsteiglauf teil, oft gemeinsam mit seiner Tochter. Heute trainiert Ulrike dreimal pro Woche allein auf einer vertrauten Waldstrecke. Dort kennt sie Kurven, Steigungen und schwierige Stellen so gut, dass sie ohne Stock laufen kann.

Training im TEAG-Laufcamp

Carlo Bansini/TEAG

Im Frühjahr 2025 nahm Ulrike Wilhelm am TEAG-Laufcamp in Zeulenroda, Thüringen, teil. Als langjährige Kundin hatte sie sich für das Camp beworben. Sie erinnert sich gern an die gemeinsamen Läufe, die Gespräche und das zwanglose Miteinander. Dabei kam sie auch mit Mitarbeitenden der TEAG ins Gespräch. Aus diesem Kontakt entstand später die Idee, ihre Erfahrungen in den Test der Website einzubeziehen.

Wo digitale Wege enden

Ulrike wischt über das Display ihres Smartphones. Eine synthetische Stimme liest Überschriften, Links und Schaltflächen vor – so schnell, dass ungeübte Zuhörer kaum folgen können. Zusätzlich vergrößert sie Inhalte und verstärkt Kontraste.

Damit das funktioniert, müssen Websites sauber programmiert sein. Ein sichtbarer Button reicht nicht. Die Sprachausgabe muss erkennen, was er auslöst. Formularfelder brauchen eindeutige Bezeichnungen. Menüs müssen sich auch ohne Maus bedienen lassen. Und bei einem Tarifvergleich müssen alle Informationen vorgelesen werden und nicht nur der Preis.

Bleibt ein Button stumm oder trägt lediglich die Bezeichnung „Schaltfläche“, endet für Ulrike dort der Weg. Was für Sehende ein kleines technisches Detail ist, wird zur Barriere.

Digitale Barrierefreiheit: Was das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz fordert

Guido Werner/TEAG

Genau hier kam Ulrike ins Spiel. Gemeinsam mit anderen sehbeeinträchtigten Personen testete sie ausgewählte digitale Angebote der TEAG mit den Hilfsmitteln, die sie auch im Alltag nutzt. Dabei zeigte sich: Technische Prüfungen sind wichtig, erfassen aber nicht jede Hürde. Erst im Praxistest wird deutlich, ob ein Ablauf wirklich verständlich ist oder ob jemand an einer unklaren Stelle hängen bleibt.

"Es ist ein großartiges Gefühl, wenn ich mich auf einer Website sofort zurechtfinde und keine Hilfe brauche", sagt Ulrike Wilhelm. "Das bedeutet für mich echte Lebensqualität." Ihre Hinweise fließen in die Weiterentwicklung der TEAG-Angebote ein. Damit ist sie nicht nur Testerin, sondern Mitgestalterin. Sie zeigt, wo eine Website zwar auf den ersten Blick funktioniert, in der praktischen Nutzung aber noch Barrieren enthält.

"Barrierefreiheit ist mehr als ein Kontrastschalter", sagt Sophie Johanning, die die TEAG bei diesem Thema berät, Schulungen sowie technische Tests durchführt. Entscheidend sei, ob Menschen Informationen vollständig erfassen, Angebote vergleichen und Services selbstständig nutzen können. "Barrierefreiheit ist nie vorbei." Das betrifft nicht nur blinde oder dauerhaft beeinträchtigte Menschen. Auch wer einen Arm gebrochen hat, vorübergehend schlecht sieht, eine Maus nicht bedienen kann oder Schwierigkeiten mit komplexen Texten hat, profitiert von klaren Strukturen und mehreren Bedienwegen. Digitale Barrierefreiheit bedeutet Teilhabe und oft schlicht eine bessere Nutzung für alle.

Digitale Barrierefreiheit

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz stellt seit Juni 2025 Anforderungen an bestimmte digitale Produkte und verbraucherbezogene Dienstleistungen. Für die TEAG geht es dabei nicht nur um gesetzliche Vorgaben. Ziel ist, digitale Angebote so zu gestalten, dass Kundinnen und Kunden Informationen, Tarife und Services möglichst selbstständig nutzen können.

Dazu werden ausgewählte Seiten und Funktionen technisch und manuell geprüft. Erkenntnisse aus den Tests und aus der praktischen Nutzung fließen fortlaufend in die Weiterentwicklung ein. Denn digitale Barrierefreiheit ist keine einmalige Umstellung, sondern eine dauerhafte Aufgabe.

Weiter dranbleiben

Ulrike bleibt in Bewegung. Noch kann sie Helligkeit wahrnehmen und Tag von Nacht unterscheiden. Sie weiß, dass ihre Sehkraft weiter abnehmen kann. Dieser Gedanke macht ihr Angst. Doch er hält sie nicht auf.

Ihr nächstes Ziel ist ihr 30. Rennsteiglauf im kommenden Frühjahr. Ein anderer Wunsch wird jedoch nicht mehr in Erfüllung gehen: der New-York-Marathon. Es war der gemeinsame Traum von ihr und ihrem früh verstorbenen Mann Torsten. Das Laufen gibt ihr Kraft. Damit das so bleibt, sucht sie noch einen Guide, der sie im Training begleitet. Die Zukunft mag ungewiss sein, aber Ulrike Wilhelm weiß, wie lange Strecken beginnen: mit dem nächsten Schritt und mit Bedingungen, die es ihr ermöglichen, ihn selbst zu gehen.

Häufige Fragen zur digitalen Barrierefreiheit

  • Digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass Websites, Apps und digitale Dienstleistungen so gestaltet sind, dass sie von allen Menschen – unabhängig von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen – genutzt werden können. Dazu gehören z. B. Screenreader-Kompatibilität, klare Strukturen und alternative Texte für Bilder.

  • Blinde Menschen nutzen Screenreader, die den Bildschirminhalt vorlesen. Wichtig sind dabei klare Beschriftungen, logische Aufbauten und die Vermeidung von rein visuellen Elementen ohne Textalternativen.

  • Das Gesetz betrifft Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, die digitale Produkte oder Dienstleistungen anbieten – also auch Energieversorger wie die TEAG.

  • Weil sich Technologien und Nutzerbedürfnisse ständig weiterentwickeln. Regelmäßige Tests mit Betroffenen sind daher essenziell.