Guido Werner/TEAG
Ulrike Wilhelm ist 58 Jahre alt und lebt in Harras bei Eisfeld, Thüringen. Sie wurde mit Aniridie geboren. Bei dieser seltenen genetischen Erkrankung fehlt die Regenbogenhaut des Auges ganz oder teilweise. Über die Jahre nahm Ulrikes Sehkraft weiter ab. Vieles, was sie früher noch sehen konnte, hat sie im Gedächtnis gespeichert: die Straßen ihres Heimatortes, den Grundriss ihres Hauses, vertraute Wege.
In ihrem Flur hängt ein Stoffutensilo. In den Fächern stecken Blindenstöcke, Sportbrillen mit speziellen Kantenfiltern und weitere kleine Helfer. Die Filter schützen ihre Augen vor grellem Licht und verstärken Kontraste. Besonders wichtig ist ihr aber eine einfache Regel: Jeder Gegenstand hat einen festen Platz. Wer etwas benutzt, räumt es sofort wieder dorthin zurück. Schon eine achtlos abgestellte Tasche kann sonst zur Stolperfalle oder zur langen Suchaufgabe werden.
Auch die Dinge selbst helfen bei der Orientierung. Manche Taschen oder Kissen erkennt Ulrike an ihrer Oberfläche. Pailletten, Nähte und unterschiedliche Stoffe werden zu fühlbaren Etiketten. Beim Kochen legt sie eine elektronische Lupe über Rezepte oder Verpackungen. Das Gerät vergrößert Schrift bis zu 48-fach und stellt sie kontrastreicher dar. Andere Arbeiten erledigt sie mit Händen, Ohren und Erfahrung. Beim Putzen tastet sie Flächen ab. Im Garten weiß sie, dass es Zeit zum Mähen ist, sobald das Gras ihre Knöchel kitzelt. Nur beim Fensterputzen bleibt sie gelassen: "Ob da ein Streifen ist, sehe ich sowieso nicht", sagt sie und lacht.
Solche Details zeigen, wie viele scheinbare Selbstverständlichkeiten auf das Sehen ausgerichtet sind. Ein Preisschild, eine Menüführung, eine Ampel oder die Frage, ob die Milch noch haltbar ist: Was Sehende in Sekunden erfassen, verlangt von Ulrike eine andere Lösung. Beim Einkaufen nutzt sie zum Beispiel die App „Be My Eyes“. Per Video verbindet sie sich mit freiwilligen Helfern, die ihr sagen, was auf einer Verpackung steht oder welche Farbe ein Kleidungsstück hat.