Paul-Philipp Braun/TEAG

Sonderausstellung: Vom Umspannwerk Jena-Nord zur Imaginata

TEAG-Arbeitskreis “Stromgeschichte Thüringens“ begleitet Sonderausstellung zum 100. Geburtstag des Umspannwerks Jena-Nord.

Vor 100 Jahren war das Umspannwerk Jena-Nord ein zentraler Baustein der Elektrifizierung Thüringens. Heute kann es als wichtiges Symbol für den enormen technischen Fortschritt betrachtet werden. Das historische Gebäude wird unter dem Namen Imaginata als Bildungs-, Wissenschafts- und Erlebnisort weitergenutzt. Veranstaltungen sowie interaktive Angebote und Exponate lassen naturwissenschaftliche Zusammenhänge hier unmittelbar erfahrbar werden. Der TEAG-Arbeitskreis „Stromgeschichte Thüringens“ hat die Sonderausstellung der Imaginata „Was geschah im Umspannwerk?“ inhaltlich begleitet und die Geschichte des Standorts eingeordnet.

Überblick

  • 100 Jahre Umspannwerk Jena-Nord: Das 1926 gebaute Umspannwerk brachte den Strom aus dem sächsischen Großkraftwerk Böhlen über die Thüringer Landessammelschiene in die thüringischen Städte und Gemeinden.
  • Denkmal mit zweitem Leben: Seit 1995 wird das Gebäude als Experimentierort mit unterschiedlichen Stationen genutzt. Die Imaginata erwarb 1999 den 110-kV-Teil des ehemaligen Umspannwerks von der TEAG für eine symbolische D-Mark.
  • TEAG-Arbeitskreis „Stromgeschichte Thüringens“: Rund 20 Ehrenamtliche, überwiegend ehemalige Mitarbeitende aus der Energiewirtschaft – insbesondere der TEAG – erforschen und dokumentieren die Energiegeschichte des Freistaats.

 

Schritte zur flächendeckenden Stromversorgung in Thüringen

Paul-Philipp Braun/TEAG

Die Elektrifizierung sorgte Ende des 19. Jahrhunderts für große Veränderungen in Bezug auf wirtschaftliche Produktionsprozesse, Infrastruktur und das Alltagsleben, zunächst in den Städten und dann auf dem Land.

1892 wurde in Gera das erste öffentliche Elektrizitätswerk Thüringens eingeweiht. 1924 wurde im Auftrag des Thüringenwerks, eines der Unternehmen, aus denen schließlich die TEAG hervorging, die sogenannte „Landessammelschiene“ errichtet. Sie verband als 50-kV-Leitung im ersten Bauabschnitt die Städte Apolda, Weimar und Erfurt mit Breitungen und später auch mit dem Großkraftwerk im sächsischen Böhlen. „Das waren die ersten Schritte zu einer flächendeckenden Stromversorgung“, sagt Matthias Wenzel, Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Stromgeschichte Thüringens“. Der TEAG-Mitarbeiter beschäftigt sich seit gut 30 Jahren mit der Energiegeschichte des Freistaats. Es sei ihm einfach ein Herzensanliegen, dass das auch vom Unternehmen gefördert werde, sagt Wenzel.

Während er erzählt, blickt er auf riesige Isolatoren aus Keramik. Diese finden sich reihenweise im ehemaligen Umspannwerk Jena-Nord, heute besser als Imaginata bekannt. Das einstige Umspannwerk ist bis heute ein Industrie- und Baudenkmal, auf das die Jenaer stolz sein können.

Zersplitterte Stromlandschaft in Thüringen

Rund 200 große und kleine Unternehmen produzierten in den frühen 1920er Jahren Strom in Thüringen. Eine übergeordnete regelnde, organisatorische Einheit fehlte. Genau zu diesem Zweck gründete das junge Land Thüringen 1923, gemeinsam mit einigen gemischtwirtschaftlichen und privaten Elektrizitätswerken das Thüringenwerk in Weimar. Das Unternehmen hatte die Aufgabe, lokale und regionale Stromerzeuger zu vernetzen, unwirtschaftliche Einzelerweiterungen von Erzeugungsanlagen zu verhindern, preiswerten Strom zu liefern und die Stromversorgung zwischen den thüringischen Wirtschaftsgebieten sowie in die Nachbarländer zu ermöglichen. Mit dem Umspannwerk Jena-Nord nahm diese Idee konkrete, physische Gestalt an, so Wenzel.

Dass das Umspannwerk gerade im Norden Jenas entstand, sei kein Zufall gewesen, so Wenzel. Techniker errichteten ihre Schalt- und Umspannanlagen möglichst dort, wo die Last am größten sei. Die Stadt Jena sei mit den Zeiss- und Schottwerken ein solcher Lastschwerpunkt gewesen. Zudem lag der Standort geografisch günstig am Rande der Stadt, direkt an Eisenbahngleisen. Gebaut wurde das Umspannwerk Jena-Nord nach den Plänen des Weimarer Architekten Bruno Röhr, dessen Büro sich 1925 in der Ausschreibung gegen mehrere Bewerber durchsetzen konnte. Im Frühjahr 1926 begannen die Bauarbeiten.

Imaginata als Raum für Experimente und Beobachtungen

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Heute liegt im Umspannwerk keine Hochspannung mehr an. Die historische Messwarte und Schaltanlage sind aber erhalten geblieben. Wo früher geschaltet und überwacht wurde, wird heute experimentiert. Das Experimentarium wurde 1995 von Gundela Irmert-Müller und Peter Fauser, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Schulentwicklung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gegründet. Auf mehr als 1500 Quadratmetern können Kinder, Erwachsene, Laien und Fachleute experimentieren, ihre Wahrnehmung hinterfragen und sich die Grundlagen von Technik, Physik und Chemie spielerisch erschließen.

Sonderausstellung macht Geschichte erfahrbar

Paul-Philipp Braun/TEAG

Im August 2026 war in dem alten Backsteingebäude vier Wochen lang die Imaginata-Sonderausstellung „Was geschah im Umspannwerk?“ zu sehen gewesen. Fachlich begleitet wurde sie vom Arbeitskreis „Stromgeschichte Thüringens“ der TEAG. Die Ausstellung erzählte die Geschichte eines der wichtigsten Umspannwerke Thüringens und seiner Bedeutung für die landesweite und Jenaer Stromversorgung.

Der Arbeitskreis „Stromgeschichte Thüringens“ der TEAG informierte in einem Erzählcafé zum Umspannwerk und zur Elektrifizierung Thüringens, reicherte die Ausstellung mit historischem Archivmaterial an und trug damit zu einer lebendigen Erinnerungskultur bei, so Matthias Wenzel.

Interaktive Exponate, Vorführexperimente sowie Tafeln mit Texten und Grafiken erläuterten, welche Aufgabe das Umspannwerk hatte, warum 1926 gerade in Jena-Nord eines gebaut worden war und wie Strom heute und in Zukunft erzeugt wird. Besucherinnen und Besucher hatten die Möglichkeit, Bauteile des Umspannwerks wie Isolatoren aus Keramik und Schaltpulte aus der einstigen Messwarte aus der Nähe zu begutachten.

Die Ausstellung sei bewusst interaktiv gestaltet worden, so  Maik Sterzing, Vereinsvorstand der Imaginata. Er freute sich bei der Finissage Ende August 2026 über die gute Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis „Stromgeschichte Thüringens“ der TEAG und über die gelungene Umsetzung. Gemeinsam habe man eine Ausstellung „zum Anfassen" realisiert.

TEAG-Arbeitskreis – Wissen bewahren und weitergeben

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Rund 20 ehrenamtliche Fachleute, überwiegend ehemalige Mitarbeitende aus der Energiewirtschaft, treffen sich regelmäßig und arbeiten die Strom- und Energiegeschichte Thüringens auf. Ohne die akribische Arbeit der Ehrenamtlichen würde das Wissen um die Herausforderungen und Innovationen rund um die Elektrifizierung Thüringens im 19. und 20. Jahrhundert verloren gehen. Für die TEAG geht es dabei nicht nur um den Blick zurück. Wer erklären will, wie die Energieversorgung von morgen aussieht, sollte ihre Ursprünge kennen und verstehen, so Matthias Wenzel.

  • Ein Umspannwerk verbindet Stromnetze unterschiedlicher Spannungsebenen. Transformatoren spannen den Strom hoch oder herunter. Für den Transport über größere Entfernungen wird die Spannung erhöht. Dadurch entstehen geringere Übertragungsverluste. Es wird also weniger Energie in Form von Wärme in den Leitungen abgegeben. Für die Verteilung an Haushalte und Betriebe wird die Spannung anschließend reduziert. Über Schaltanlagen lassen sich einzelne Leitungen zu- und abschalten, etwa bei Wartungsarbeiten oder Störungen. Aus der Messwarte eines Umspannwerks wird der Betrieb überwacht und gesteuert.

  • Das Thüringenwerk, offiziell Thüringische Landeselektrizitätsversorgungs-Aktiengesellschaft, war das 1923 gegründete zentrale Energieunternehmen im Land Thüringen, das die flächendeckende Stromversorgung und das Verbundnetz (die „Landessammelschiene“) in Thüringen aufbaute. Zu seinen bekanntesten Großprojekten gehörte die Errichtung der Bleiloch- und Hohenwartetalsperre. Nach der Enteignung zu Beginn der DDR-Zeit ging die historische Tradition des Unternehmens schließlich in der heutigen TEAG auf.

  • Eine Sammelschiene ist ursächlich ein elektrotechnisches Bauelement, das ankommende und/ oder abgehenden Leitungen zur Verteilung elektrischer Energie verbindet. Die damalige „Landessammelschiene“ war als eine ringförmige Hochspannungsleitung in Thüringen geplant, die alle größeren thüringischen Kraftwerke untereinander und mit Einspeisungen aus den Nachbarländern Bayern, Hessen und Sachsen verbinden sollte.